Erste Prägungen für ein Entwicklungstrauma können bereits im Mutterleib und unter der Geburt erfolgen. Diese frühen Erfahrungen sind in unserem impliziten Gedächtnis gespeichert und können somit nicht bewusst erinnert werden. Dennoch prägen sie uns, unsere Verhaltens- und Denkmuster und haben Einfluss darauf, wie wir in der Welt sind und wie wir diese erleben.
Explizites und implizites Gedächtnis
Die Gedächtnisbildung beginnt bereits ab dem 3. Schwangerschaftsmonat. Erfahrungen aus der ersten Zeit unseres Lebens sind in unserem Körper und unserem emotionalen Gedächtnis gespeichert und können nicht bewusst erinnert werden, sind nicht direkt zugänglich und somit sprachlich nicht abrufbar. Unsere bewusste Erinnerung, das explizite Gedächtnis, entwickelt sich ab dem 3. Lebensjahr. Erst dann können wir Erlebnisse und Erfahrungen gezielt abrufen und davon erzählen. |
Haben wir ein prä- oder perinatales Trauma erlitten, versuchen wir dieses unbewusst unser gesamtes Leben zu kompensieren. In stark belasteten Lebenssituationen und Übergangsphasen (z.B. Kita-Eingewöhnung, Einschulung, Schulwechsel, Pubertät, erste Liebe, Ausbildungs- oder Studiumsbeginn, Heirat, Familiengründung, Arbeits- und Wohnortswechsel, Alter und Rente) kann unser implizites Gedächtnis die Erinnerung an das traumatische Erleben und die damit verbundenen Gefühle wieder hervorrufen und uns in unserer Handlungsfähigkeit einschränken. Es kann also sehr hilfreich sein, sich mit der eigenen Geburt, aber auch mit der Zeit vor der Geburt und sogar der eigenen Zeugung auseinanderzusetzen, um damit verbundene behindernde Verhaltensmuster und Blockaden zu erkennen und zu lösen.
Die emotionale Verfassung der Mutter während der Schwangerschaft wirkt sich unmittelbar auf den Fötus aus. Das Ungeborene spürt alles, was die Mutter erlebt, fühlt und denkt. Es nimmt wahr, ob die Mutter zufrieden und gelassen ist, sich auf ihr Kind freut oder, ob sie unglücklich, aufgeregt oder ängstlich ist und das Kind womöglich ablehnt. Hat die Mutter beispielsweise Angst, weil sie nicht weiß, wie sie das Kind ernähren soll oder weil der Partner gewalttätig ist, wird das Kind diese spüren. Fühlt sich die Mutter ausgeliefert und ohnmächtig, wird sich auch das Ungeborene entsprechend fühlen. Ein ungewolltes Kind hat im späteren Leben möglicherweise immer wieder das Gefühl, nicht willkommen zu sein und Schwierigkeiten damit, seinen Platz im Leben zu finden und sich zugehörig und geliebt zu fühlen.
Unter der Geburt produziert das Baby zum ersten Mal einen Adrenalinstoß. Adrenalin wird immer dann produziert, wenn viel Energie im Körper vorhanden ist, also ein hohes Maß an Stress bewältigt werden muss. Im Verlauf des Lebens werden in belastenden Situationen, die ein vergleichbares Adrenalinniveau aufweisen, tendenziell die Verhaltensmuster aktiviert, deren Grundstein unter der Geburt gelegt wurde.
Verläuft der Geburtsprozess optimal, macht das Kind die Erfahrung, dass es die Zeit hat, die es braucht, um den Übergang ins Leben zu bewältigen. Das Kind macht die Erfahrung, in seine Kraft gehen zu dürfen und mit eigener Kraft rauszukommen und sich durchzusetzen. Gleichzeitig macht es die Erfahrung, dabei nicht allein zu sein und Unterstützung zu haben, wenn Mutter und Kind im gemeinsamen Rhythmus zusammenarbeiten können. Das Bindungshormon Oxytocin sorgt während des Geburtsprozesses dafür, dass sich Mutter und Kind ineinander verlieben und eine Bindung aufbauen. Das Kind integriert die Erfahrung, auf der Erde und in der Familie ankommen zu dürfen, willkommen zu sein, dazuzugehören und in einer neuen Umgebung ein Anrecht auf Kontakt und Verbindung zu haben.
In den einzelnen Phasen der Geburt können aber auch Komplikationen auftreten, die für das Kind, die Mutter und auch den Vater traumatisch sein und somit ein Geburtstrauma zur Folge haben können.
Künstliche Geburtseinleitung
Der Geburtsprozess wird beispielsweise empfindlich gestört, wenn die Geburt künstlich eingeleitet wird. Der Impuls des Kindes "Ich bin bereit, jetzt will ich kommen" wird nicht abgewartet. Es muss sich einer höheren Gewalt fügen und unterordnen. Das Kind erfährt, dass es nie genug Zeit gibt oder dass Zeit etwas ist, was es nicht kontrollieren kann.
Sturzgeburt
Verläuft eine Geburt zu schnell, kann das zur Folge haben, dass das Kind die eigene Kraft und den eigenen Erfolg nicht wirklich spüren kann.
Geburtsstillstand
Stockt die Geburt, kommt Verwirrung auf und es ist erst einmal nicht klar, was zu tun ist. Dieses Verhaltensmuster wird sich dann in einer Lebenssituation, in der es um ein Vorankommen geht (z.B. eine berufliche Beförderung), reaktivieren.
In den Wehenphasen wird der Umgang mit Druck geprägt. Läuft diese Phase nicht optimal, kann das dazu führen, dass Menschen sich in ihrem späteren Leben aufgrund ihrer Geburtserfahrung unter Druck zusammenreißen oder schlafen gehen und abwarten bis dieser vorbei ist. Diesen Menschen fällt es grundsätzlich eher schwer, neue Projekte zu beginnen.
Nabelschnurkomplikationen
Legt sich dem Kind die Nabelschnur um den Hals, kann dies eine Angst vor Bindung erzeugen, weil Nähe und Versorgung mit Todesangst und Ersticken assoziiert wird.
Notkaiserschnitt
Muss das Kind geholt werden, kann das Kind die Überzeugung entwickeln, versagt zu haben. Der daraus resultierende Glaubenssatz könnte heißen: "Ich schaffe es nicht alleine". Auch hier fehlt die Erfahrung, in die eigene Kraft zu kommen und sich durchzusetzen.Trennung von der Mutter
Werden Mutter und Kind unmittelbar nach der Geburt getrennt, beispielsweise weil das Kind intensivmedizinisch versorgt werden muss, verinnerlicht das Kind die Erfahrung, sich in belastenden Situationen verlassen und allein gelassen zu fühlen und nicht liebenswert zu sein.
Auch für die Mutter kann die Geburt traumatisch sein. Sei es, weil die Mutter an Entscheidungen unter der Geburt nicht ausreichend beteiligt wird, weil ein Schichtwechsel erfolgt und die Hebamme wechselt, Personalmangel oder Zeitdruck herrscht oder weil der Geburtsprozess nicht voranschreitet, zu schnell vonstatten geht, ein Kaiserschnitt oder eine andere Intervention nötig wird. Die Frau erlebt einen Kontrollverlust, fühlt sich ohnmächtig und ausgeliefert, hat womöglich Angst und leidet unter starken Schmerzen, bangt vielleicht sogar um ihr Leben und/oder das Leben ihres Kindes. Der Geburtsprozess kann auch frühere Traumata wachrufen, beispielsweise die Erinnerung an die eigene Geburt, an körperliche oder sexuelle Gewalt.
Und auch der Vater kann die Geburt seines Kindes als traumatisch erleben, wenn er den Geburtsprozess ohnmächtig und hilflos mitansehen muss.
Ursachen eines Geburtstraumas |
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